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Esoterik

06.08.2014

Definition Esoterik

aus Körbel, Thomas "Hermeneutik der Esoterik Eine Phänomenologie des Kartenspiels Tarot als Beitrag zum Verständnis von Parareligiosität. Münster; Lit, 2001.

Nach langem Zögern und doch aus aktuellem Anlass veröffentliche ich hier nochmals meine Esoterik-Definition. Das Thema ist immer noch brisant.

Kein Definitionsversuch des Begriffs Esoterik trifft — wenn ein objektivistischer Maßstab angelegt wird — das, was sich letztendlich hinter diesem Wort verbirgt, da es sich um etwas im Menschen und vor ihm selbst Verborgenes handelt. Es kann umschrieben werden als eine Innerlichkeit, die alle mit menschlichem Bemühen sinnlich erfahrbare, innere und äußere Wirklichkeit ausschließt, aber dennoch umfassend "ganzheitlich" ist. Es ist eine tiefe, innerliche Erfahrung der ganzen Wirklichkeit. Es übersteigt die Wahrnehmung der menschlichen Sinne. Es gehört zum Wesen des Menschen, es schließt seine "Tiefe" mit ein. Diese Tiefe wird dem Menschen als 'religiös' oder 'spirituell' wesentlich erfahrbar. Obwohl diese Tiefenerfahrung nicht machbar und letztlich vom Menschen her nicht erreichbar ist, tritt Esoterik auch als Lehre und Methode, aber auch als spirituelle Technik mit dem Anspruch auf, diese religiös-spirituelle Dimension des ganzen Menschseins in das Bewusstsein zu heben. Ein solches Bemühen ist aber nur dann Esoterik, wenn es nicht bloße Lehre, Methode oder Technik, sondern erlebte, erfahrene und erkannte Wirklichkeit und gelebtes Leben ist. Solche Wirklichkeit wird sichtbar, indem sich das innere Leben von bloßer Selbstgenügsamkeit und je tieferer "Nach-Innen-Wendung" zur Gestaltung des äußeren Lebens mit und für den Anderen und Fremden öffnet. Eine so verstandene Esoterik ist das ureigenste Anliegen jedes Menschen auf seiner Suche nach sich selbst. Das verwirklichte menschliche Individuum — wie auch immer es dann in Erscheinung treten mag — ist daher das esoterische Geheimnis.
Gemäß dieses Maßstabes hat jede Religion und jedes religiöse Phänomen eine esoterische Dimension. Im Sinne der [...] diakonischen Methode der Genese-Assistenz liegen in dieser Definition zwei Aspekte:

(1) Sie entlarvt manche Lehren, Methoden und Techniken der real existierenden Esoterik als oberflächlich oder sogar pervertiert.

(2) Sie bietet der real existierenden Esoterik mit Blick auf ihre "normative" Formulierung die Hilfe, dem eigentlichen Anliegen und dem Ziel esoterischer Lebenshilfen näher zu kommen.

Die real existierende Esoterik muss sich diesem Maßstab stellen, wenn sie im (inter-) religiösen Diskurs ernst genommen werden will.

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