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Wege der Menschwerdung - Denn jedem Ende wohnt ein Zauber inne.

31.03.2016 von Dr. Thomas Körbel

Ist Europa nicht ganz dicht?

Wege der Menschwerdung - Denn jedem Ende wohnt ein Zauber inne.

Ist Europa nicht ganz dicht?

1. Ist unsere Evolution zu Ende?

Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.
(Albert Einstein)

Kein Wunder, dass so viele an das herannahende Ende glauben. In der Zeitung lese ich nur, wer wieder wen erschossen hat oder wo ein neuer Anschlag stattfand oder wie viele Leute wo starben und wie schlimm das mit den Flüchtlingen ist und dieser Tage auch mal wieder, dass ein Lehrer ein paar Dutzend Schüler missbraucht habe.

Auch die Evolution ist scheinbar mit dem Menschen an ihrem Ende angekommen. Der Mensch ist das Maß aller Dinge und das Ende der Entwicklungsstufe. Von nun an kann es für den Menschen nur noch digitalisiert als Roboter in das Cyberbewusstsein übergehen. Das Ende ist also nahe.

Welches Ende?

Das Ende der Vernunft, einer lebenswerten Umwelt, des lieben Friedens, der europäischen Solidarität?

Alles egal: das Ende überhaupt ist da. Das Ende aller Enden, die Apokalypse. Der Maja Kalender von „2012“ war gestern, den gleichnamigen Film sehen wir bereits zum x-ten Mal als Wiederholung. Hurra, wir leben nicht mehr. Ja, die Welt geht unter. Alltäglich.

Zumindest, wenn ich den Nachrichten glaube.

Was ich nicht tue. Mir wird angesichts solcher Nachrichten nur schlecht.

Denn ich lese, leider, natürlich, nichts davon in der Zeitung, dass hunderte Menschen den Flüchtlingen helfen und dass hunderte Lehrer Freudensprünge aufführen, wenn ihre Schüler endlich etwas Bestimmtes gelernt oder ihr Klassenziel erreicht haben. Und es gibt wenig zu lesen über all die stille, herzliche Zuwendung des Pflegepersonals zu den Bewohnern der Pflegeheime, gelungene Jobvermittlungen und Karriereberatungen, neue Lebensperspektiven aus einem Coachingprozess, erfolgreiche Psychotherapien, ...

Gute Freunde sagen zu mir: Sei nicht so „negativ“. Freue Dich, dass Du jemandem zu einer guten Arbeit verholfen hast. Und ja, das tue ich auch.

Es ist derzeit überhaupt nicht gut „kulturpessimistisch“ veranlagt zu sein, denn das sind offenbar alle.

Darf ich aber dann nicht mehr darüber nachdenken, was mit den Menschen geschieht, die nie mehr Arbeit finden werden, deren Land im Krieg versinkt — oder im Meer? Über Menschen, denen es in Pflegeheimen schlecht geht, deren Coachingprozess nirgends hin führt, etc. ?

Oh, natürlich. Es gibt viele Menschen, zu viele, um mich herum, die alles, aber wirklich alles schlechtreden, es gibt viel Tadel, wenig Lob.

Nun ja, auch die Menschen sind schlecht.

Ich bin ein Mensch und der, der sagt, dass Menschen schlecht sind, ist auch einer und strengt sich auch mehr schlecht als recht an, sich zu verbessern.

Und auch die Academia Aurata haben wir gegründet, um Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu neuen Perspektiven zu verhelfen. Das gelingt oft, doch eben nicht immer. Ist das ein Weltuntergang? Oder völlig normal?

Ich könnte hunderte andere Themen nehmen, die bestätigen, dass die Welt untergeht.

Oder dass es sich zumindest lohnen würde, wenn sie weg wäre.

Von A wie Altersarmut bis Z wie Zukunftslosigkeit, von A wie Arbeitslosigkeit bis Z wie Zickenalarm in Genderdiskursen; von B wie Berufsfeldern, die durch C wie Computer und D wie Digitalisierung verloren gehen bis zu E wie Europas Flüchtlingsproblem (F) durch herbeikommende Syrer (die kommen erst unter „S“), doch G wie neuem Grenzzaunbau, von H wie Homoehebefürwortern und britischen Brexit-Isolationisten (I) zu J wie Justizskandalen, vom neuen Kalten Krieg (K) und alle weiteren Buchstaben des Alphabets von „LM...“-Gefühlen hinab zu schließlich und endlich U wie alles dramatisch Umweltdilemmatisierte bis hin zu VW (die mit dem Dieselproblem) und XY für alles Unbekannte und natürlich Z wie den Zika-Virus.

Ist es Angst, die „german Angst“ gar, die uns so vor sich her treibt?

Vor längerem las ich einen Artikel, der mich aufscheuchte und bis heute in einem tieferen Sinne beunruhigt. Ein paar Gedanken, die mir ein Kribbeln und eine Neugierde hervorlocken, die heute vielleicht ein wenig mehr in Worte gefasst werden können.

Der Titel: „Ist unsere Evolution zu Ende?“(*)

Was ist Evolution und was bedeutet sie? Evolution ist eine verbesserte Anpassung an die Rahmenbedingungen; gleichzeitig ändert jeder evolutionäre Schritt diese Rahmenbedingungen, wodurch ein neuer Evolutionsschritt zur Anpassung an die neu entstandene Umwelt nötig wird. Jede Spezies muss diese Evolution mitvollziehen, andernfalls geht sie unter.(*) 
(*) Alexander Seibold/Herbert Scheingraber: Ist unsere Evolution zu Ende? In: Astacus astacus. Splitter zu Philosophie und Kultur - Die Bausteine der Zukunft. Ausgabe II/JAN 2013. De ludo globi-Verlag. (Alle Zitate aus diesem Artikel sind mit (*) gekennzeichnet.)

„Gottseidank“, möchte mir als Theologen erleichtert entfahren, „wenn all der Mist endlich vorbei ist.“ Zukunft statt Krise. Also, all das geht unter. Muss untergehen. Es ist ein nächster Schritt der Evolution, der uns bevorsteht. Alles Gestrige ist der Zukunft im Weg. Wir passen uns nur den neuen Rahmenbedingungen an. Wir ziehen aus den Küstenregionen ins Hochland, atmen Stickstoff und überleben und lösen die anderen Probleme nebenbei irgendwie auch noch.

- Darf ich so optimistisch sein und auf das biblische „Fürchte dich nicht“ vertrauen?

- Darf ich angesichts der Weltuntergangspropheten vom Weltaufgang reden und mit „gerüsteter Achtsamkeit“ das Schlechte für möglich, aber nicht für absolut halten?

- Darf ich angesichts der mobbenden Übermacht enttäuschter Spät-68-er in linken und rechten Machtpositionen und der gescheiterten Positivdenker und der, ach, Esoteriker, deren paradiesisch-goldenes Wassermannzeitalter von Monat zu Monat vor weiteren Abgründen in verzweifelt-neuen Blüten auf sich warten lässt, und die sich apokalyptisch an ihrer eigenen Zukunft rächen wollen, indem sie die Zukunft uns allen absprechen — darf ich also das „Goldene“ im Menschen erwarten, etwas dafür tun (z.B. in den Kursen der Academia Aurata) und das aufstrahlende Erleuchten vieler, nicht aller, Menschen immer wieder als erlebt berichten?

Ich weiß, solche Sätze übersteigen das Aufnahmevermögen eines internetgewohnten Lesesubjekts, das nur Einzelzeilen scant. Das sagen mir zumindest die einschlägigen Rat-Geber. Doch wenn das Ende naht, warum sollte ich dann meinen Schreibstil an Vergehendes anpassen?

Wir können zwar angeblich nicht wissen, was uns die Zukunft bringt, doch wir versuchen es mit allerlei Hilfsmitteln zu erkennen. Während die einen zu Tarotkarten greifen, oft genug ohne sie lesen zu können, versuchen sich andere mit wissenschaftlichen Methoden, wie z.B. der Zukunftsforschung, z.B. das Zukunftsinstitut.

Da darf meine kulturpessimistische Weltuntergangshoffnung schon mal förderlich sein.

Ja, wir könnten scheitern mit allem Bemühen um unsere Zukunft.

Und „Wir schaffen das“ könnte auch bedeuten, zuzugeben: „Wir schaffen das leider doch nicht so ganz wie gedacht.“

Doch wir könnten auch mal überlegen, wie wir das vorprogrammiert zu scheinende Scheitern vermeiden, könnten was ausdenken, was das Scheitern vermeidet statt das Problem zu beschwören, also etwas machen, dass unsere Vorhaben und unser Überleben verantwortlich optimistisch gelingen könnten.

Verantwortlicher Optimismus fragt nicht nach der Berechtigung, sondern nach der Verantwortung: Ohne Optimismus gibt es keine Liebe. Keine Elternschaft. Kein Unternehmertum, keine Politik. Er verpflichtet uns, nach Lösungen zu suchen, statt uns am Negativen zu delektieren. Eine solche Welthaltung muss immer unbequem sein, anstrengend, rebellisch gegen den faulen Fatalismus des Mainstreams. (Matthias Horx: Anstrengender Optimismus. Zukunftsforscher Matthias Horx über seinen melancholischen Possibilismus. Ein Plädoyer für eine konstruktive Zukunfts-Haltung, 21.5.2015/13.2.2016)

Zukunftsforscher, so z.B. Matthias Horx, erforschen Megatrends. Das sind Trends, die nicht nur von Modesaison zu Modesaison gelten, sondern längere Zeit erkennbar sind.

Horx nennt:

- Globalisierung (dazu gleich mehr)

- Female Shift: Das Ende traditionaler Frauenrollen — in der aktuellen Flüchtlingsdebatte und in der konkreten Arbeit mit Syrern erkenne ich staunend, wie selbstverständlich das Miteinander von Frau und Mann in unserer Gesellschaft bereits geworden ist, und das trotz nach wie vor wirkender antiker Geschlechterrollen.

- Silver Society/Downaging: Unsere Lebenserwartung steigt — sofern wir auch was dafür tun, denn

- Gesundheit, Lebensenergie und Wohlfühlen liegen in unserer Verantwortung.

- Urbanisierung (dazu unten mehr)

- Neo-Ökologie (die erklärt sich seit Einführung der Mülltrennung und Gründung der „Grünen“ vermutlich mehr oder weniger von selbst)

- Neues Lernen und kreative Wissensgesellschaft (dazu unten mehr)

- Neues Arbeiten (so genanntes 4.0 und auch dazu unten mehr)

- Mobilität (siehe gleich unten zu Glob(k)alisierung) 

- Connectivity/Digitales Leben/Ubiquity (da sag ich mal nur als Schlagwort „Internet“ und das verlässt den Computer und wird zum „Internet der Dinge“) — und schließlich

- Individualisierung (kommt auch gleich)

Megatrends wirken sich mehr oder weniger bewusst auf die Welt und die Gesellschaft aus. Ob sie auch die vergangene Evolution beeinflusst haben?

Was meinst Du dazu?

2. Glokalisierung

Ich mag diesen Neologismus, wirklich.

Unbestreitbar dürfte sein, dass die globale Lokalisierung und die lokale Globalisierung ein solcher Trend ist. Das „think global, act local“ der New Age Zeit feiert Auferstehung ohne je verstorben zu sein. Das Lokale erlebt eine globale Blüte, das globale (das Klima, z.B. und der Terror und ein Krieg und ein Virus) wird lokal erfahrbar. Nicht zuletzt dank der Nachrichten.

Konkret: Europa mag sich abschotten wollen und neue Grenzzäune ziehen. Doch Grenzen verschwimmen. Alle. Ob das die Restnationalen wollen oder nicht.

Nur „Daheim“ soll weiterhin „Daheim“ bleiben. Die Welt wird kleiner und kleiner und wir erleben ein Ende der nationalen Kleinstaatlichkeit.

Die einen wollen mehr, die anderen weniger Europa. Und für beides gibt es gute Gründe.

Ein Ende mit oder ohne Schrecken? Das liegt an uns. 

- Was, wenn das die Krise ist, die Europa braucht, um zu zeigen, dass wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts etwas gelernt haben?

- Was, wenn genau das Öffnen der Grenzen im Sinne der Evolution wäre?

- Was, wenn „Neuropa“ entstünde, während sich unsere lokalen Ängste in globale Luft auflösen? (Vgl. auch Dieter Schnaas: Fortschritt ohne Ende? (3.5.2015/14.2.2016)

Die Globalisierung macht die Welt der nächsten Dekaden zu einem Ort des Sowohl-als-auch. Die Wirtschaft wird dabei mit einer höheren Komplexität und Diversizität umgehen müssen, regionale Kreisläufe wieder entdecken und transparentere Strukturen hervorbringen. Wissen wird in vielen Bereichen Ressourcen ersetzen und drastisch die Öko-Effizienz steigern. Globalisierung führt in eine Welt vernetzter, robuster Systeme, in der multipolare Politik neue gemeinsame Spielregeln entwirft. (Zukunftsinstitut: Die Potenziale der Globalisierung. Globalisierung führt in eine Welt vernetzter Systeme mit neuen, komplexeren Spielregeln - und neuen Herausforderungen und Chancen für Unternehmen, Industrie, Marketing und Handwerk. (9.3.2015/13.2.2016)

Das Internet wird, trotz aller Zensurversuche, uns weiter und weiter vernetzen. Politisch, kulturell, wissenschaftlich sind wir das ehrlicherweise schon längst. Facebook bringt trotz aller Kritik auch Menschen über die so genannten „six degrees of separation“ hinaus einander näher. Jeder Mensch sei von jedem anderen Menschen sogar nur noch 5,2 Menschen entfernt, las ich irgendwo. Wunderbar.

Unsere Abiturklasse hätte sich ohne die sozialen Netzwerke nie wieder zusammengefunden. Und es war wirklich nett, alle wiederzusehen, besonders da sich die Klasse weltweit verstreut hatte.

3. Aber halt: Globalisierung? 

- Nur zwei Prozent der Studenten auf der Welt studieren außerhalb ihres Landes.

- In Deutschland nehmen im Schnitt nur 2,8 Prozent aller Jugendlichen (im Alter zwischen 15 bis einschließlich 17 Jahren) an Schüleraustauschprogrammen teil. [...]

- Nur drei Prozent aller Menschen leben außerhalb ihres Geburtslandes.

- Nur sieben Prozent der globalen Reismenge werden ex- bzw. importiert.

- Nur ein Prozent aller amerikanischen Firmen haben Auslandsaktivitäten aufzuweisen.

- Auslandsinvestitionen bilden nur neun Prozent aller weltweiten Investitionen.

- Nur 20 Prozent aller Aktien werden von Ausländern gehalten. (Die Potenziale der Globalisierung)

Die Zukunft ist Gegenwart geworden und steckt doch noch sehr in Kinderschuhen und tappst noch vorsichtig einher. Globalisierung? Ein Kinderspiel?

Ja, denn Globalisierungsanfänger sind wir, noch Kinder.

Und wir wollen jetzt schon keine großen Probleme vor Ort haben, die doch längst weltweit auftreten? Wie gestern ist das denn?

4. Neo-Ökologie

Wir sind uns gegenseitig und unseren Kindern verpflichtet, diesen Planeten zu erhalten — nein, nicht diese Welt, sie geht ja unter. Wir müssen den Planeten erhalten, auf dem wir leben.

Wir schaffen das. Schaffen wir das?

Ja. Denn es gibt keine Krisen. Wir bilden sie uns nur ein. Das stimmt, und das erkennen wir auch, vorausgesetzt wir schauen auch mal auf die Erfolge und erliegen nicht der primitiven Linearität vorgestriger Prognosen. Es gibt nämlich keine lineare Entwicklung, sondern immer neue Lernprozesse.

Wenn ich auf der Straße in die Sch... trete, lerne ich es, Schuhe zu reinigen und zukünftig solche Fehltritte zu vermeiden. Und ich nehme nicht nur an Gewicht zu, sondern kann auch abnehmen. Und was für mich gilt, gilt auch für den Fortschritt, den Luxus, das Wirtschaftswachstum und für alle Menschen. Wir sind gewaltig lernfähig.

5. Lernfähig?

Aber ja. Fakten statt Ängste! Davon sollten die Zeitungen berichten.

Der CO2 Ausstoß ist geringer geworden. Autoverkehr? Fleischkonsum? Waldverluste?

Bäume zu pflanzen ist nicht erst seit Martin Luther und Felix Finkbeiner in!

Bio-Lebensmittel, die uns lange Jahrzehnte gesund halten, sind der zukünftige Standard der Ernährung. (mehr dazu in: Megatrend-Map: Die Facetten der Neo-Ökologie)

Moralisch statt „mortalisch“ anzubauen, zu produzieren und fair zu handeln, ist marktfähig und überlebensnotwendig, soll modisch schick sein, nachhaltig und hypermodern technisch. Anschließendes Recycling ist bereits im Preis inbegriffen.

Müllkippen werden für kurze Zeit zu den Bergwerken der Zukunft bis sie verschwunden und recycelt sind.

Denn das Wegwerfen wird nicht mehr sein. Es wird aber sein ein Ende der Verschwendung und eine neue Erde. Das Lamm liegt beim Löwen und der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter (vgl. Jesaja 11,8).

Eine Welt, in der Knappheit von Etwas nicht mehr die Gefährdung des Stammes ist und das Überleben erschwert, sondern eine Welt, in der von Allem mehr als genug für alle da ist. Ja!

Solange die Sonne scheint, wärmt sie uns alle; erneuerbare Energien, genossenschaftlich vor Ort produziert, sind der neueste Schrei! — eine wahrhaft adventliche Hoffnung. Ja!

Selbst die Kriege sind an Zahl weniger geworden, nur die Nachrichten darüber werden weltweit mehr.

6. Gewaltig lernfähig?

Damit richte ich einen Blick in eine erschreckende Vergangenheit: Wir haben die Tendenz zur Gewalt und zum Brudermord in die Wiege gelegt bekommen. Kain erschlug Abel (Genesis 4,8), so erzählt es die Bibel.

Das hat er gut gemacht, unser Bruder. Es gäbe uns sonst nicht.

Woher kommt der Sauerstoff, den wir atmen? Etwa von den Bäumen des Waldes? Von wegen. Der weitaus größte Teil des Luftsauerstoffs stammt von Mikroorganismen, darunter die für unser Thema wichtigen Cyanobakterien. [...]

Sie nahmen Wassermoleküle auf, gewannen daraus den Wasserstoff und gaben den Sauerstoff als Abfallprodukt frei. Dies führte zu einem Massensterben. Denn für die zu diesem Zeitpunkt lebenden Organismen war Sauerstoff das pure Gift. Will man eine moralisch bewertende Metapher für diesen Vorgang bemühen, könnte diese „Brudermord“ lauten. [...] 

Viel später wiederholte sich dieser Vorgang auf der Ebene Mensch gegen Mensch. Gemeint ist der Übergang von der Nomaden- zur Ackerbaukultur. [...] 

Die Sesshaftigkeit führte zur Arbeitsteilung, die Arbeitsteilung zur Technik, mit der Technik kamen Handel und Verkehr, mit Handel und Verkehr die Naturwissenschaften, Bildung und alles andere. Aus den Siedlungen wurden Städte, dann Reiche, die miteinander konkurrierten, Handel trieben und Kriege führten. Völker, die nicht als Ackerbauern, sondern als Hirten, beziehungsweise als Jäger und Sammler leben wollten, wurden unterworfen, versklavt oder zu der neuen Lebensweise gezwungen.(*)

7. Schöpferische Kreativität - nicht vorhersagbar

Expertensysteme, Datenbanken und mit Wissen vollgestopfte Bachelorstudenten sind nicht schon allein aufgrund der Menge ihres angesammelten Wissens kreativ, noch bilden sie schöpferische Fähigkeiten aus. Dass schöpferische Kreativität nicht vorhersagbar ist, schon gar nicht mit unseren linearen Methoden, illustriert die biologische Evolutionsforschung. Es ist uns selbst unter rigoros vereinfachten Bedingungen unmöglich vorherzusagen, welche Arten in zweihundert oder dreihundert Millionen Jahren auf diesem Planeten leben werden.
Bleiben wir bei der Ausbildung von Kreativität und verbinden wir diesen Gedanken mit unseren Überlegungen zur Nomadenkultur. Bei dieser war nicht zu erwarten, dass sich eine plötzliche Niveau-Anhebung ereignete, die sich im Hervorbringen künstlerischer Werke großen Stils oder im Hineindenken in mathematische Abstraktionen hätte äußern können, wozu auch? Erst aufgrund von innerem und äußerem Druck kam es zur Sesshaftigkeit, zu Ackerbau, zu den Stadtkulturen und schließlich zu einem phänomenalen Aufschwung der Kreativität in den Bereichen Mathematik und Kunst. 

Interessant ist in diesem Zusammenhang folgende Beobachtung. In höheren Strukturen behalten frühere, einfachere Strukturen ihren Gültigkeitsbereich. In der Chemie gilt immer noch die Physik, in der Biologie immer noch die Chemie. Was kommt nach der Biologie?

Physik – Chemie – Biologie – und dann?
Sucht man nach einer Struktur, die das rein vegetative Leben zu höheren Stufen des Seins leitet, stößt man auf eine Kommunikations- oder Organisationsstruktur, die geistige Anteile in sich birgt.

Diese führt zum Homo sapiens. Ist diese Stufe erreicht, folgen die Sesshaftigkeit und eine arbeitsteilige, höhere Struktur, in der die Kommunikation verschiedener Menschen untereinander wieder zu einer neuen, um vieles höheren Struktur überleitet, deren Komplexität die reine Gehirnstruktur der beteiligten Individuen übersteigt. Daran schließt sich wiederum eine höhere Struktur an, die sich in übergeordneten Organisationen wie Städten innerhalb einer Gemeinschaft zeigt, die man als Territorialgebilde oder Staaten sehen könnte. Dieser Prozess ist im 21. Jahrhundert abgeschlossen.(*)

8. Urbanisierung / Megastädte

Die Mehrheit der Menschen lebt in Städten. Schon diese Verstädterung genügt, um die weltweite Welt-Geburtenrate durch anhaltenden und wachsenden Wohlstand in bisherigen Entwicklungsländern massiv zu verringern. (Vgl. a fact-based worldview http://www.gapminder.org/)

Der Hunger kann beendet werden, auch weil das stetig wachsende Bevölkerungswachstum ausbleibt und sich bei 9,2 Milliarden einpendeln wird. Überhaupt wird es faszinierend und die Zeichen stehen auch städtebaulich auf Aufschwung und dank „Urban Gardening“ so richtig hell erleuchtend auf „grün“.

(Die Zukunft ist ein Garten. Eine junge Generation von Städtern erprobt Konzepte von Open-Source-Gärten bis Indoor-Gemüseanbau - auf Dächern, Brachflächen, Balkonen und Terrassen  http://www.zukunftsinstitut.de/artikel/wohnen/die-zukunft-ist-ein-garten/ (16.4.2015)

Es gibt viel zu bauen und es wird nett, zu wohnen.

Wo bleibt da unsere Evolution? Brauchen wir sie noch?

Auch wenn der Mensch heute nicht mehr im Wettbewerb mit wilden Tieren steht, bleibt auch der behütete Bewohner städtischer Kultur einem – nicht geringeren – Selektionsdruck unterworfen. Er muss sich gegen Zeitgenossen behaupten, die klüger sind als er oder gegen Zeitgenossen, die dümmer sind als er. Andere sind konsequent destruktiv, habgierig oder kurzsichtig oder leiden an anderen schwerwiegenden Störungen. Viele haben einfach keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sie eigentlich leben wollen.(*)

Da muss ich innehalten.

Kenne ich meine Antwort, wie ich leben will?

Da gibt es verschiedene Impulse, die mich in unterschiedliche Richtungen treiben.

In vielen unserer Kurse in der Academia Aurata helfen wir Menschen, eine solche Antwort zu finden. Ich beginne schon während des Lesens des „Evolutions-Artikels“ mich gedanklich neu zu positionieren, zu konzeptionieren, um dem Untergang ein wenig auf die Sprünge zu helfen und damit der Zukunft den Weg zu ebnen.

Es ist ein Teil meiner Rolle im großen Spiel, Dir diese Frage zu stellen:

Kennst Du Deine Antwort, wie Du leben willst?

9. Individuell und gemeinschaftlich: Wie geht es weiter?

Dass sich eine Struktur oberhalb der Nationalstaaten bereits herauszubilden beginnt, kann man verschiedentlich beobachten. Als Beispiel mögen die Vertreter der Kunst und der Wissenschaft genügen, die sich heute nicht mehr an die nationalstaatlichen Gebilde gebunden fühlen, sondern sich in Strukturen entwickeln und organisieren, die politischen Einheiten übergeordnet sind. Die Kommunikation über das World Wide Web erleichtert diesen Vorgang. Wie geht es weiter? Das ist unschwer zu erkennen. Als übernächstes ist eine Verbreiterung der Strukturen zu erwarten, in welcher alle kreativen Beiträge in ihrer gegenwärtig noch trennenden Unterschiedlichkeit auf eine breitere Basis gestellt werden.(*)

Was kann das sein? Eine Verbreiterung der Strukturen, in der alle kreativen Beiträge in ihrer gegenwärtig noch trennenden Unterschiedlichkeit auf eine breitere Basis gestellt sein werden?

- Ich sehe, wie immer mehr die persönlichen Begabungen in die Arbeitswelt einfließen, wie Beruf wieder von Berufung abgeleitet wird und nicht mehr nur „Job“ mit (Karriere) oder ohne Perspektive (langzeitarbeitslos) ist. Das heißt, die Strukturen, in denen Menschen arbeiten, weiten sich aus.

- Ich sehe, wie ein kleines Hobby-Business sich weltweit vermarkten lässt. Das sind Chancen für alle Nischenprodukte im Kunsthandwerk und Hobbybereich sowie für Innovationen und Produktbewertungen. Der Markt für Kreatives wird somit so breit wie global.

- Ich sehe, dass Firmenpolitik für den Kunden transparent bis gläsern wird. Nur wenn der Allgemeinnutzen eines Produkts groß ist, bleibt es. Der „Shit-Storm“ wird bei nachhaltigen Vergehen über social networks ausgelöst und verbreitet. Ein Anzeichen, dass Produzent und Konsument immer weniger zu trennen sind, sich immer mehr zu einem gemeinsamen Ziel verbinden?

- Ich sehe günstige Wissensvermittlung, sogar als Business, an dem viele profitieren, denn Armut kostet Geld, Bildung bringt Geld. So z.B. kannst Du etwas lernen und zugleich unsere Arbeit unterstützen.

- Human Ressources sind die nächste Stufe des „kreativen Kapitalismus“ als neues Wirtschaftsprinzip mit win:win:win Verhältnis. Daher wird auch das Langzeitprojekt der zunehmenden Automatisierung standardisierbarer Prozesse vorangebracht, nicht mehr nur zur Gewinnmaximierung, sondern auch um menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Leistung und Kreativität führen zum Wohlstand.

Wenn ich all das sehe, sehe ich eines: Der Mensch kommt in den Blick.

Gewiss keine leichte Aufgabe, aber eine mögliche – jedenfalls für spätere Generationen. Diese Prognose kann an der Mathematik und der Kunst veranschaulicht werden. Eine Vereinigung dieser beiden Gegenpole im Bereich der Kreativität ist für uns Heutige noch nicht zu leisten. Weshalb? Die Mathematik vertritt die rationale Kreativität, die Kunst dagegen das, was wir unter emotionaler Kreativität verstehen. Eine Vereinigung dieser beiden Gegenpole kann als Indiz für das Erreichen einer weiteren Stufe der Evolution gesehen werden.(*)

Doch was sehe ich auch? Stacheldrahtzäune werden wieder an den innereuropäischen Grenzen errichtet. Soll das der Weg unserer Evolution sein?

10. Widerstände der Parasiten

Ist der Sprung zu groß? Sorry, die aktuelle Entwicklung Europas ist es, die mir den kreativen Schlüsselimpuls zum Verstehen und Weiterdenken des Evolutions-Artikels eingab.

Auf der momentanen Ebene der Strukturbildung stoßen wir immer wieder auf Bereiche, die sich einer übergeordneten Struktur widersetzen. Das war auch so, als sich die Städte und kleineren Territorialgebilde zu Nationalstaaten vereinigen wollten. Damals arbeiteten ganz unterschiedliche Kräfte aus ganz verschiedenen Motivationen heraus an dem gleichen Ziel, nämlich die übergeordnete Struktur zu verhindern. Warum ist das so? Übergeordnete Strukturen stellen zwar insgesamt einen Gewinn dar, doch bedeuten sie gleichzeitig immer auch einen Machtverlust in etablierten Zentren auf der Unterstruktur. (*)

Wenn wir uns bislang über Europa Illusionen machten, so war das unser gutes Recht.

Es gibt keine einheitliche Kultur. Schon in meiner Familie gibt es keine einheitliche Kultur, wie soll es im Großen etwas geben, was es im Kleinen nicht gibt? Eine gemeinsame europäische Leitkultur unter dem christlichen Kreuz? Unsinn! — oder gar Schwachsinn?

Weder hat Europa jemals eine eigene Weltreligion hervorgebracht, schon gar nicht die christliche, noch hat es eine eigenständige Kultur entwickelt — zumindest nicht ohne den meist islamischen Input von außen. Wir konnten hier alles integrieren: Synthese ist das Programm der europäischen Kultur seit jeher.

Warum also nicht Unterschiede bejubeln?

Wenn die Russen Angst vor Schwulen haben, so ist das in Ordnung. Wenn die Polen lieber fette Würste essen als über Vegetarismus nachzudenken, wenn die Franzosen eine andere Wirtschaftspolitik betreiben und die Engländer bei ihrer Währung bleiben wollen, wenn die Deutschen die Fahne der Sozialen Marktwirtschaft hochhalten und Island mehr Zuwanderer will und Ungarn weniger — ja, warum denn nicht?

Eine neue, übergeordnete Einheit besteht nicht im konsequenten Fortschreiben nationalistischer Gebilde. Alle Europäer sprächen dann Latein oder Esperanto? Es gäbe eine einheitliche Währung, einheitliche Finanz- und Wirtschaftspolitik und alle trügen die gleichen Unterhosen? Nein.

Das Europa der Zukunft muss wirklich etwas anderes und neues sein: Neuropa.

Liberal, weltoffen und vielleicht zugleich maßvoll abgeschottet, innovativ und konservativ, fröhlich und lethargisch, grundrenoviert in allen individuellen Anbauten, weitergedacht als bloß griechisches Olivenöl und freier Handel, weiter gedacht als nur freie Wohnsitzwahl und vor allem noch viel weiter gedacht als das retronationalistische und monokulturelle Denken und somit weiter als alles bisher.

Bisher ging es um Macht, um Wirtschaft. Worum geht es jetzt? Um unsere Evolution?

Papst Franziskus twitterte am 31.3.2016 als ‏@Pontifex_de:

„Das Phänomen der Migration wirft also eine ernste kulturelle Frage auf, deren Beantwortung man sich nicht entziehen kann.“

Worum sollte es in einem Europa der Zukunft gehen?

Was ist mit dem Menschen?

Gesellschaften, die im Turbulenten nicht weiterdenken können, gehen unter.

Menschen, die auf Täuschungen beharren, werden muffig und krank.

Wer aber seine inneren Bilder variieren kann, erlebt Krisen als das, etwas das Dopamin im Hirn anregt. Dopamin ist jenes Human-Molekül, das für die Zukunft zuständig ist. Für das Lernen und den offenen Geist. Für das Glück und für die Liebe. (Matthias Horx: Lob der Enttäuschung. (6.1.2016)

Glück, Liebe, kreative Selbstverwirklichung und das finanziell abgesichert durch europaweite, genossenschaftliche Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg und/oder Grundeinkommen.

Eine Utopie? Ja, und wenn schon? „Wir schaffen das!“

Wäre demnach nicht „Mehr Europa“ im Sinne der Richtung eines solchen Evolutionsgedankens? Sollten wir uns dahin entwickeln, dahin denken, uns dahin auch bilden?

Zu einer Verschleppung des Prozesses kommt es auch durch Fehlentwicklungen im Bildungssystem, in welchem es gegenwärtig stark um Ausbildung geht, nicht mehr um Bildung. Das Studium an deutschen Hochschulen wird nur noch als Durchlauferhitzer betrachtet. Es werden in verschulter Art und Weise Leute ausgebildet, die am Ende bestimmte Fähigkeiten haben sollen. Das ist äußerst kontraproduktiv hinsichtlich einer übergeordneten Strukturbildung, weil es von vorneherein zielgerichtet ist. Dabei kann es heute noch niemanden geben, der bereits weiß, wie die nächst höhere Struktur aussehen wird. Besonders traurig ist, dass die Befürworter des gegenwärtigen Bildungssystems nicht wahrhaben wollen, dass niemals ein Fortschritt stattfinden kann, wenn man sich auf Dinge beschränkt, die man jetzt schon weiß.(*)

Was brauchen wir Menschen für die beschworene, mit Daten belegte, zugleich rational und emotional wünschenswerte Kreativität auf dem Weg zur erhofften und gestaltbaren Zukunft?

Was brauchst Du?

11. Menschwerdung

Folgende Empfehlungen habe ich für Dich:

- werde offener, gegenüber allem. Deine Offenheit hält Dich lebendig, eröffnet ein breites kulturelles Verständnis und lässt Deine Kreativität wachsen.

- Pflanze Gemüse im eigenen Garten, auf dem eigenen Balkon, notfalls auf der Straße.

- Kenne Dein Grillhähnchen mit Namen, wenn es nicht vegan sein soll.

- Lerne gewaltig, lebenslang, verwirkliche Deine Bildung bis ins hohe Alter: „99.9“

- Vernetze kreativ Dein Wissen mit und zu immer wieder neuem Wissen, damit es schneller geht, nein: sie schneller kommt, die Zukunft.

- Lies Bücher.

- Schreibe, blogge, was und wonach immer Dir ist: Sachbücher, Gedichte, Artikel und Entspannend-Unterhaltsames.

- Und lerne Sprachen. Ich weiß nicht, Englisch, Spanisch, Chinesisch, rätoromanisch, mongolisch ... oder den ursprünglichen Dialekt Deiner Region. 

Was denkst Du?

- Akzeptiere die neuen Formen der Arbeit. Sie sind Freiberuflich, meistens selbstverantwortet und -diszipliniert, projektbezogen, befristet als sich selbst vermarktender Menschen- und Lebensspezialist, als Wissens-, Service- oder Kreativitätsarbeiter mit fließenden Grenzen zwischen verschiedenen Berufen und zwischen Arbeit und Freizeit, weil es Lebenszeit sein wird, was wir früher Arbeitszeit nannten. 

- Setze Dich für neue Formens des Einkommens ein. Vermutlich wird es mit einer Art bedingtem Grundeinkommen weitergehen, eine genossenschaftlich strukturierte Umsatzbeteiligung am Produktionsvermögen und am Kapital. Wir sollten Karl Marx nochmal neu lesen, diesmal win-win-orientiert.

- Sei mobil. Sei körperlich und geistig beweglich, bis ins hohe Alter, im Wohnen ebenso wie im Arbeiten, weltweit. Weil trotz eines Online-Business eben gerade nicht alles online geht, besonders nicht die Begegnung mit echten Menschen.

Heimat ist dann etwas, was Du in Dir selbst finden musst und suchst oder an einem bestimmten Ort oder in einer konkreten Lebensgemeinschaft, der Du zeitweise (ein Wochenende im Monat? Nur im Dezember? ...) angehörst. Nenne es von mir aus Familie ...  
Oder finde mit uns ein neues Kloster.

- Deine Individualisierung wird zur komplexen Multigraphie, da Du in unterschiedlichen Lebenswelten lebst (Bislang nennen wir das psychologische Rollen: Kind, Vater, Bruder, Angestellter, Vereinsmitglied, ...) — und Du wirst Dich immer mehr „einzigartig“ fühlen, und etwas Besonderes, inmitten aller anderen. 

- Du wirst dich jedoch nicht nur „einzig“, sondern auch „artig“ aufführen, sprich: werte-orientiert und anderen gegenüber verantwortet leben.

- Daher brauchen wir philosophische und spirituelle Reflexionen in allen Lebenslagen, weil wir herausfinden müssen, wie wir miteinander in all unseren Unterschiedlichkeiten und Einzigartigkeiten unsere jeweiligen Lebensaufgaben leben wollen ...

In einer komplexer werdenden, globalisierten Welt muss die eigene Komplexität mitwachsen. Sie muss durch Diversität eine Mehrzahl an Deutungen und Ausprägungen zulassen. Andernfalls ist das eigene System kaum noch zum Rest kompatibel und fällt zurück. (Die Potenziale der Globalisierung. (9.3.2015/13.2.2016)

Das wird spannend. Ich kann zukünftig nicht einerseits mich vernachlässigen oder andererseits mich nicht um das Ganze kümmern. Aus der vergangenen Ferne ruft es mir in Regenbogenfarben schon wieder zu „think global, act local“. Wenn meine kleinen Handlungen nicht mehr global vernachlässigbar sind, bin ich auch nicht mehr machtlos.

12. Ich kann was bewirken. Du auch! Machst Du mit?

Und siehe da: Plötzlich wird meine Autofahrt zum Bäcker das Problem, und der Spaziergang dahin zur Lösung, wie die Gesundheitsvorsorge ihre Kosten reduziert. Was bekanntlich für alle kostensparend und daher interessant ist ...

Wenn mir meine Handlungen überhaupt wichtig sind, dann gilt das für meine Handlungen hier und jetzt. Aber ebenso wichtig ist es, mich um meine zukünftigen Handlungen und Einstellungen zu sorgen. Da meine gegenwärtigen Handlungen meine zukünftigen Handlungen prägen, habe ich einen Grund, mich um meine jetzigen Handlungen zu kümmern. Die Kognitionspsychologie zeigt, dass Menschen ihre Werte durch ihr Verhalten gewinnen – und eben nicht nur umgekehrt. Demnach verändert sich unsere Identität andauernd, und zwar anhand der Rückwirkungen der von uns begangenen Handlungen. Das liegt nicht einfach an der Gewohnheit, sondern an dem unbewussten oder halb bewussten Wunsch nach einer Konsistenz des eigenen Handelns, die dann mein zukünftiges Handeln prägt.

Der zweite Grund, warum mir meine eigenen Handlungen wichtig sein können, lautet: Sie wirken sich auf die zukünftigen Handlungen anderer aus. Wenn ich jetzt handle, dann könnte es sein, dass ich dich dazu bringe, auch so zu handeln. Meine jetzige Handlung könnte dich animieren, dich in Zukunft selbst im Hinblick auf diese Dinge anders zu betrachten. Die Handlungen anderer können dazu beitragen, meine Anstrengungen zu unterstützen. (Melissa Lane: Es ist nicht egal, was du tust. (23.3.2015/13.2.2016)

Jetzt wird der enorme technische Fortschritt, der mittlerweile so viele ökologische Probleme bereitet, zur Lösung. Das E-Auto belastet die Umwelt weniger, aber dennoch ist es für Dich (und damit für alle!) gesünder, zum Bäcker zu laufen. Klar?

Jetzt setzt die kapitalistische Entdeckung und Vermarktung Deiner individuellen Kreativität ein Wirtschaftswachstum in Gang, das für Dein Einkommen sorgt und zu globalem Wohlstand führt — statt zum Untergang.

(Vgl. Die Humanokalypse - eine uralte Phantasie. Die Idee des Weltuntergangs ist nicht totzukriegen. Sie lebt von der Faszination für die Apokalypse und der Furcht des Menschen. http://www.zukunftsinstitut.de/artikel/y-events/die-humanokalypse-eine-uralte-phantasie/)

So Gott will.

Die Debatte um den Weltuntergang kann, wenn wir sie richtig führen, eine Menge über die Zukunft und ihre Geheimnisse verraten. Sie bringt uns zur Reflexion über die Welt, in der wir leben – über das Wesen von Störung und Vernetzung, Fehlertoleranz und Planung, Evolution und Emergenz. Die wahren Gefahren für die Zukunft kommen am Ende immer von innen. Am Ende ist es die Angst selbst, die den eigentlichen X-Faktor darstellt. Wenn die Angst vor dem Weltuntergang alles überschwemmt, dann allerdings wird unsere Zivilisation untergehen. Die wirkliche wahre Gefahr für die Zukunft ist die Blödheit, die aus Hysterien entsteht. (Die neue Theorie der X-Events. Ein neues Denkmodell beschäftigt sich mit Super-Katastrophen, die die gesamte menschliche Zivilisation von innen bedrohen können. (22.10.2015/13.2.2016)

Hysterien haben wir bereits. Vielerlei Arten.

Z.B. die: Was wäre, wenn alle Syrer zu uns kämen? Na und?

Naja, was wäre, wenn alle Einwohner meines Wohnorts nur auf meine Toilette gingen? Die Wartezeit wäre lang, die Wasserrechnung wäre hoch, und die Gemeinde müsste sie übernehmen, weil ich weit über meine Kapazität hinaus Ressourcen für die Gemeinschaft zur Verfügung stelle. — Was wäre also, wenn ...? Nichts.

Weil es nicht geschieht und niemals geschehen wird.

Also: Fürchte Dich nicht. Vertraue.

Es ist so absolut störungsanfällig, das ganze dynamische System Natur/Schöpfung. Und doch, bei jedweder Störung reagiert es resilient. Es ist so überaus produktiv und verschwenderisch, also keineswegs auf Knappheit ausgerichtet.

Jeder Baum wird im Frühjahr tausende von Samen hervorbringen, von denen nur wenige aufgehen. Es ist also die Natur selbst, die auf Rettung ausgelegt, auf das Überleben orientiert ist.

Vielleicht auf einen Punkt Omega hin, auf das Ja, das wir ins heraufziehende Nichts gebaut haben?

13. Auf ein Ziel hin?

Nein, denn es gibt kein Ziel.

Der Strukturbildungsprozess hat keinen finalen Punkt, kein Ziel im herkömmlichen Sinne, das es zu erreichen gilt. Strebt man ein abgeschlossenes menschliches Gesamtsystem an, dann wird man feststellen, dass es dies gar nicht geben kann.

„Vollende nicht deine Persönlichkeit, sondern die einzelnen deiner Werke.“

Diese Warnung schrieb uns der Dichter Gottfried Benn ins kulturelle Erinnerungsbuch.

Gemeint ist: Wer eine Gesamtvollendung anstrebt, wird ohne Zweifel scheitern, weil diese uneinholbar ist. [...]

Die oberste erreichbare Struktur ist – im Sinne einer immer weiter gehenden Annäherung, nicht eines Ziels – das Allumfassende. Das Allumfassende setzt voraus, dass man sich nicht auf Deckungsgleiches beschränkt, sondern versucht, die Gemeinsamkeiten der Dinge in Strukturen einzuordnen. Und wenn es keine Gemeinsamkeiten gibt, dann muss die übergeordnete Struktur so gefasst sein, dass sie auch völlig unterschiedliche Dinge umfassen kann. [...]

Diese Art, die Sprache, die Dinge, die Welt zu betrachten, kann – wenn sie strukturiert und mit Regeln belegt wird – auf alle Wissenschaften angewandt werden und damit zu einer Steigerung der Erkenntnis der ganzen Menschheit führen.(*)

Denke ich mal das „Allumfassende“ als Gott. Und denke ich weiterhin Gott/Menschheit nicht als eine Art von Gegensatz oder Dualität, sondern als eine mit Jesus begonnene Einheit und sogar weit mehr als das, vielleicht als eine Evolution unseres gesamten menschlichen (Bewusst-)Seins? Und nun mal angenommen, Gott will diese Erkenntnissteigerung, will, dass es uns allen gut geht. Was dann?

Das Ja Gottes zu den Menschen gilt, so nimmt es der gläubige Mensch vertrauensvoll an, auch wenn es nicht immer gelingt, das Vertrauen zu leben.

Also, was wäre dann?

Sind das zu viele Annahmen für Dich?

Für mich nicht, denn: Warum sollte Gott für uns weniger wollen als wir selbst für uns?

Wir wollen mit anderen zusammen sein, wollen leben, wollen lernen, wachsen, glücklich sein und lieben. Gott will also (das ist keine Annahme, das ist offenbar), dass die Entwicklung der Menschheit weitergeht. Denn da steckt wohl noch was an unentdecktem Potenzial in der Menschheit drin.

Wenn wir auf diesem Weg der Evolution bleiben, verantwortet mitgehen, kann uns im Ganzen nichts passieren. Europa, Ökologie, Individualität, etc. inbegriffen.

Doch auch der Brudermörder Kain ist immer noch unterwegs.

Er ist Teil des Systems Evolution, er entscheide, was richtig und falsch sein mag, was lebenswert und was sterbenswert sei.

Und wer nicht ihm mitgeht, entgeht ihm auch nicht.

Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.

Dafür sorgt Kain schon, auf allzu bekannte Weise ...

14. Der Ausnahme-Mensch als Normalfall?

Eine wichtige Frage muss noch gestellt werden: Kann es sein, dass unser Gehirn die grundsätzliche Möglichkeit zu immer höherer Strukturbildung, zum nächsten Evolutionsschritt in sich birgt, oder braucht es dafür die Künstliche Intelligenz, die Mensch-Maschine-Symbiose?

Zwei besondere Ausnahme-Menschen mögen als Beleg dafür dienen, dass die Anlage für diesen Evolutionsschritt in unserem Gehirn tatsächlich bereits grundgelegt ist. Diese Menschen vermochten nämlich Dinge zu tun und zu denken, die nicht durch Fleiß oder stetes Üben erreicht worden sein konnten.

Der eine ist Wolfgang Amadeus Mozart, der andere Srinivasa Ramanujan.

Jeder der beiden steht für eines der beiden Extreme menschlicher Kreativität, der eine für die begriffs- und definitionsfreie, oftmals materiale Form des Ausdrucks in den vielfältigen Formen der Kunst, der andere für die höchst abstrakte Form mathematischen Denkens.

Nur eine besondere Verschaltung des Gehirns konnte es dem Autodidakten Ramanujan (1887-1920) ermöglicht haben, mathematische Zusammenhänge in den Bereichen der Pi-Berechnung und der Primzahlenschätzung zu erkennen, die die professionellen Mathematiker der westlichen Welt damals in Erstaunen versetzte und noch heute verblüfft.

Auch die Erfolge des Wunderkindes Mozart (1756-1791) sind Indizien dafür, dass tatsächlich genau die Fähigkeiten und damit die Lösungsmöglichkeiten in unserem - in Ausnahmefällen offensichtlich äußerst leistungsfähigen - Gehirn grundgelegt sein können, die nötig sind, um den nächsten Schritt in der Evolution zu vollziehen.

Das Beispiel der Wunderkinder sagt keineswegs aus, wie genau dieser nächste Evolutionsschritt aussehen wird, sondern es sagt aus, dass es eine Struktur im Gehirn gibt, die solche außergewöhnlichen Fähigkeiten als selbstverständlich erscheinen lässt. Ob sich hierin bei diesen Individuen bereits der Schritt auf die höhere Stufe andeutet oder nicht, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich sagen.(*)

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