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Wem kannst Du noch glauben?

13.12.2014

"Wem kannst Du noch glauben?"
Meine Mutter sitzt im Fernsehsessel und erlebt Nachrichten. Wieder ein neuer Skandal, eigentlich ist es mittlerweile egal, welcher. Sie fragt nach einer echten Autorität, nach jemand oder etwas, auf das noch Verlass ist, was Sicherheit gibt? 
Da braucht sie keine Diskussion. Da braucht sie auch keine Antwort. Da äußert sie ein gewisses Entsetzen. 

Was könnte ich ihr antworten? 

Autorität ist im weitesten Sinne eine soziale Positionierung, die einer Institution oder Person zugeschrieben wird und dazu führt, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten. Sie entsteht (durch Vereinbarungen oder Herrschaftsbeziehungen) in gesellschaftlichen Prozessen (Lehrer/Schüler, Vorgesetzter/Mitarbeiter) oder durch vorausgehende Erfahrungen (von Entschlusskraft, Kompetenz, Tradition, Charisma oder Offenbarung). Der Begriff hat seine Wurzeln im römischen Recht (auctoritas). (Wikipedia)

Demnach ist Autorität als Beziehungsqualität zu verstehen. Da Beziehungsgeschehen keine Einbahnstraße ist, gilt also nicht, dass den "Autoritäten" einfach nur der nötige Respekt entgegengebracht werden muss, sondern dass die Autorität sich auch als "würdig" erweist, besser: als glaub-würdig zu erweisen hat. 

Glaub-Würdig?

Das bedeutet: Würdig, geglaubt zu werden. 

Es herrscht ein eindeutiges Machtgefälle zwischen den beiden Positionen des Anerkennung zollenden Menschen und des Autorität habenden Menschen bzw. der Gruppe von Menschen die eine Autorität anerkennt und der Autorität, wobei hier auch eine gewisse Gruppendynamik deutlich wird, aus der auszubrechen nicht einfach ist.

Aus dem Staat auszutreten ist im Vergleich zum Aus-der-Kirche-austreten nicht möglich. 

In früheren Zeiten galt die Zugehörigkeit zur Gruppe als überlebensnotwendig. 

Heute nicht mehr? 

Zu welchen Gruppen gehören wir? Verein? Freunde? Familie? Arbeitskollegen? Nachbarn? Dorfbewohner? Bewohner der Metropolregion Frankfurt? Deutscher? Bewohner der Bundesrepublik? Facebookgruppe "Academia Aurata"? 

Für mich gelten gerade alle, mit unterschiedlichen Herausforderungen und Gewichtungen. Es gibt andere Gruppen, zu denen gehöre ich nicht, profitiere aber davon: Die Freiwillige Feuerwehr der Heimatgemeinde, ohne die ich jedoch verständlicherweise auch gerne auskomme; die Müllabfuhr, auf die ich ungerne verzichte, und ich lasse auch gerne die Bahn die Verbindungen organisieren. 

Man muss zum Glück nicht alles selber machen. 

Als Erwachsene handeln wir gegenüber Lehrern und Eltern anders als wir es als Kinder taten. Die dazugehörigen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen ändern sich also offenbar.

Respektvoll handeln können wir 

  • freiwillig (bis hin zu unterwürfig), 
  • gesellschaftlich anerzogen und zeitlich bedingt (gegenüber Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, ...), 
  • vorgetäuscht (um Nachteile zu vermeiden), 
  • erzwungen (in eindeutig unterlegenen Positionen) 
  • oder gar als Auflehnung und Pflicht, wie Thomas Payne es formulierte:

“The duty of a patriot is to protect his country from its government.”

Wem kannst Du noch glauben? 

  • Dem ADAC? - Die "gelben Engel" haben uns (nur, wie man hört) über Autos belogen. Die brauchen wir noch auf der Autobahn als Notfallhelfer, damit wird sich der Ruf wieder hochschaukeln. 
  • den Universitäten? - Indem sie den öffentlichen Presse / Pressuren / Pressungen wegen erschlichenen und halbherzig erarbeiteter Doktorarbeiten nachgegeben haben, haben sie sich selbst ihrer glaub- oder hier: wissenswürdigen Wissenschaftlichkeit beraubt. 
  • der Presse? - Die vierte Macht im Staate beherrscht immerhin die öffentliche Meinung; aber wie können wir uns noch sicher sein, dass nicht nur Verkaufszahlen die Berichterstattung legitimieren sondern echter und glaubwürdiger, und das bedeutet: vertrauenswürdiger Informationswert. 
  • den Ärzten? - Welche Umsatzvorgaben braucht eine Arztpraxis, um wirtschaftlich zu sein? Welchen Preis zahle ich, zahlt meine Krankenkasse, für meine Gesundheit?
  • den Politikern? (Und dem Staat) - "Ouh", höre ich viele stöhnen. Politik für Bürger oder für Lobby-isten? (Die natürlich auch Bürger sind!) Bundespräsidenten, die wir mundtot machen? Rücktrittsgründe für unliebsame Parteikollegen lassen sich in allen Farben und auf allen Kommunal-, Bezirks-, Landes- und Bundesebenen finden und auch erfinden.
    "The duty of a patríot ..."
  • Apropos, und die USA? - Hat wirklich jemand vor Snowden geglaubt, wir würden nicht vom selbsternannten (und vertrauensvoll von uns geglaubten) Demokratie-Retter und Weltpolizisten nicht abgehört? Hat wirklich jemand geglaubt, Whatsapp würde aus bloßem Gutmenschentum nichts kosten? Facebook hat es uns mal wieder gezeigt. Und mit "das geht gar nicht" scheint es auf dieser Seite des Atlantiks nun getan. Bloß nicht hingucken, dass wir (der Staat) uns selbst (die Bürger) überwachen?
  • Und dann ist da noch (...) ah, natürlich, die Liste ist sicher zu ergänzen.
    An wen denkst Du? 
  • Und dann frage ich:
    Welche "Institution" ist Deiner Meinung nach die nächste? 

Natürlich habe ich eine große Institution noch nicht genannt, eine der größeren, bedeutenden Anbieter von Sinn- und Weltanschauung, mit der Aufgabe uns vom Erlöstsein zu erzählen: 

  • der Kirche? - Nachdem das Gelübde der "Keuschheit" mit missbrauchten Kindern endgültig auf der Strecke blieb und das der "Armut" jüngst in goldenen Badewannen gewaschen wurde, versucht der Papst nun mit Wirtschaftskritik erneut Eindruck zu gewinnen. Doch der "Gehorsam" der Gläubigen gehört schon lange nur noch sich selbst. 

Was tut sich da?

Was bedeutet diese allgemein um sich greifende Unglaubwürdigkeit der Institutionen? Folgende Gedanken kommen mir: 

  • Das Ende der Über-Ich-Aktivitäten?
    Institution ade! 
  • Das Zurückgeworfen-Sein des Individuums auf sich selbst?
    Na freilich, was sonst. Das "Ich" strahlt vor Glückseligkeit.
    (Aber bitte lasst mich nicht den Müll selber zur Deponie fahren, ja?)
  • Die Rückkehr zu Stamm und Clan?
    Auch die Institution "Ehe" und "Familie" ist doch schon längst aus sich selbst heraus unglaubwürdig. Warum war Jesus wohl so familienkritisch? Warum gilt uns Familie als Heiligstes? Was will die Kirche mit der Ehe-Moral und der Familie denn noch beschwören, was nicht längst vergangen ist? 
  • Die Verstärkung des Rufes nach einem kommenden starken Ordnenden, der uns allen sagt, wo es lang geht, weil wir auf Dauer müde sein werden, alles selbst zu entscheiden? Schreien wir "Heil Ökodiktator", Beten wir "Errette uns vom Müll!", "Bewahre uns vor der Umweltverschmutzung" und "Führe uns in die Nachhaltigkeit"? 

Auf wen kann man sich noch verlassen? Wer ist also noch glaub-würdig? 

Das große Defizit aller Sicherheit und aller Sicherheit gebenden Strukturen besteht darin, die Gewissheit nicht geben zu können, die wir aber so dringend bräuchten, gerade im Alter, im Altersheim, in der Pflege und Betreuung. (Günter Funke)

Bleibt am Ende nur die Hoffnung auf Gott? Bricht deshalb alles zusammen? 

So apokalyptisch wollte ich mich gar nicht anhören. 

Aber da hätte Gott sicherlich was zu tun. 

Tu mir kein Wunder zulieb. Gib deinen Gesetzen Recht, die von Geschlecht zu Geschlecht sichtbarer sind. (Rainer Maria Rilke)


© Thomas Körbel (Erstveröffentlichung am 25.2.14 auf http://sinn-und-seele.blogspot.com)

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